Das Vogelgrab (1999)

von Franco Chiappori Uraufführung 10. April 1999 

Ein Kriminalstück mit Charakter

Der Mensch in seinem normalen Umfeld ist schwer zu erfassen. Alltägliches läuft mehr oder minder mechanisch ab, und selten ist erkennbar, ob das Benehmen einer Person nur eine Sache der Gewohnheit ist oder ein Ausdruck des Charakters.

Auf aussergewöhnliche Ereignisse haben wir aber kaum eine erprobte Reaktion parat. Alles ist neu, unsere Erfahrung von geringem Wert und zum Überlegen oft zu wenig Zeit. Bei solchen Ereignissen wird uns der Schutzschild der Konventionen entrissen, und unser Handeln wird eine Frage des Charakters.

Kriminalfälle sind besonders faszinierend, weil sie wie kaum ein anderes Ereignis auch die dunkeln Seiten der Menschen zu Tage fördern. Wesenszüge, die uns zum Widerspruch herausfordern, gerade weil wir sie auch an uns selbst erahnen. Sind unsere Taten Ausdruck unserer Moral oder Opfer des Charakters?

Impressionen

Und so sind Kriminalstücke immer wieder spannend. Denn obschon das Muster ähnlich sein mag, sind die Figuren und ihre Handlungsweisen neu und ungesehen. Die Besucher waren dazu eingeladen, in dieser Uraufführung des MTM auf Entdeckungsreise zu gehen - nach neuen Spielarten des Charakters.

augenzwinkernd - analysierend - gegenwärtig

Samstag Morgen, und Tante Klara ist nirgends zu finden. Das ausgerechnet heute, wo Gäste erwartet werden! Ihre Nichte Lydia und ihr Neffe Rudolf sind ratlos. Als die Gäste, Sonja und ihr Mann Alfred eintreffen, macht sich Misstrauen breit: Hat etwa Rudolf seine Träumereien wahr gemacht und das Ableben von Tante Klara beschleunigt? Noch während Rudolf alles abstreitet, ruft Alfred heimlich die Polizei. Angeblich, um den "Anschein der besorgten Familie" zu wahren. Na bravo.

Wachmeister Zurbach macht seinen Job gründlich. Beharrlich untersucht er die Umstände des Verschwindens und trifft immer wieder auf Ungereimtheiten. Warum sollte eine ältere Dame ihr Haus mitten in der Nacht verlassen? Ohne eine Nachricht, und ohne Geld? Rudolf hat dafür keine passenden Antworten, sondern nur unpassende Scherze bereit. Humor ist aber keine Stärke von Wachmeister Zurbach, und so nimmt er die Alibis der beteiligten Personen unter die Lupe. Eine Lücke in Rudolfs Alibi lässt diesen vorübergehend in Polizeigewahrsam verschwinden.

Mit dem Abgang der Polizei kehrt aber noch keine Ruhe in das Haus ein. Sonja und Alfred geraten heftig aneinander, angestaute Emotionen brechen sich gewaltsam Bahn. Ambulanz. Schon wieder die Polizei. Abtransport ins Spital, Verhaftung. Lydia bleibt alleine zurück, scheint über ihre plötzliche Einsamkeit nicht traurig zu sein. Sie nützt die Ruhe und verarbeitet die Ereignisse in einem Gemälde. Doch was ist nun mit Tante Klara? Ist sie noch mehr als nur eine Erinnerung?

Der nächste Tag bringt die Auflösung, aber nicht die Erlösung. Denn jeden Tag stirbt ein Vogel, und selbst das schönste Grab macht nicht mehr aus ihm, als er ist - ein Vogel.

 

Und das sagte die Zeitung

Rothenburg:Die Gruppe «Mitenand Theater Mache» mit Enthusiasmus auf Verbrecherjagd

Eine verschwundene reiche Erbtante wird zum Charaktertest

Ein aktionsreiches Kriminalstück statt des üblichen Landtheaters erwartete die Besuchenden bei der MTM Rothenburg.

Wer bei einem Theater in der Agglomeration oder auf dem Land einen bäuerlichen Schwank erwartet, wurde vergangenen Samstag in Rothenburg an der Premiere des Stückes «Das Vogelgrab» eines Besseren belehrt. Schon das raffiniert einfach gehaltene Bühnenbild liess vermuten, dass ein etwas anderer Theaterabend mit der Theatergruppe MTM folgen würde. MTM steht für «Mitenand Theater Mache»; dahinter steht eine junge Truppe, die seit 1986 in unregelmässiger Folge ambitionierte Theaterprojekte realisiert.

Erbtante verschwindet

Keine Verwechslungsspiele, sondern knallharte Action war angesagt. Nach dem mysteriösen Verschwinden der älteren, reichen Erbtante stehen fast alle Angehörigen unter Tatverdacht, einen Mord begangen zu haben. Rudolf Heimert, mit beissendem Sarkasmus gespielt von Werner Knubel, hatte etwas zu laut von den Millionen geschwärmt, die von der toten Tante zu erben wären. Sein bankrotter Schwager - äusserst glaubhaft nervös gespielt von Thomas Ledergerber - wüsste allerdings wahrscheinlich ebensogut etwas mit dem vielen Geld anzufangen.

Ermitteln und anbandeln

Auch die alten Streitereien von Rudolfs Schwester Sonja (Véra Sommer) mit der Tante scheinen Wachmeister Zurbach (Christoph von Däniken) höchst verdächtig. Sein Assistent Härri ist derweil heftig am Anbandeln mit der jüngsten Schwester Lydia (Evelyne Mathis). Obwohl ziemlich schusselig, scheint Härri alias Martin Felix aber den besten Überblick zu behalten.

Begeisternde Spielfreude

Franco Chiappori, der nach langer Zeit Benedikt Troxler als Regisseur abgelöst hat, arbeitet zuweilen mit filmischen Elementen, die dem Theater einen ungewohnten Anstrich geben. So wird Musik zum Erzeugen von Spannung wohldosiert eingesetzt, und es wird mit zum Teil sehr kurzen Szenen gearbeitet - so wie man sie von Fernsehkrimis her kennt. Humorvoll werden einige Klischees auf den Arm genommen, und vor allem die zwei Sanitäter verbuchen einige Lacher.

Laientheater stehen und fallen aber immer durch den Enthusiasmus und den Eifer der Gruppe. Vor lauter Spielbegeisterung kann da schon mal ein Verhaspler passieren. Die sind aber um so sympathischer, weil sie aus purer Freude am Schauspielern geschehen.

Konflikte drängen zu Tage

Ob der gegenseitigen Verdächtigungen tritt manch verdrängter Konflikt zutage. Die Menschen und ihr Verhalten in einer ungewohnten Situation zu zeigen war ein Ziel von Franco Chiappori mit seinem Stück. Diese Charakterzüge haben die Schauspieler und Schauspielerinnen denn auch bestimmt zur Genüge in der Probenzeit seit letztem Dezember studiert. Schadenfreude, Misstrauen und Lügen sind ebenso Facetten dieser Gefühlswelten wie Liebe, Hass, Verzweiflung und Gewalt.

Normalität wird zu Chaos

Wie schnell Normalität in Chaos umschlagen kann, wird der Familie Heimert/Wieser an diesem Samstag morgen deutlich. Und obwohl der Sonntag Licht ins Dunkel bringt, ist nicht wieder alles wie vorher: Zuviel wurde gesagt, zuviel ist passiert. Die jungen Darstellerinnen und Darsteller vermögen dem Publikum Weisheiten mit einem Augenzwinkern mitzugeben. Es darf also sowohl gerätselt, studiert und gelacht werden. Alles in allem: eine spannende Reise von der Normalität ins Chaos - und zurück. NATALIE EHRENZWEIG

Neue Luzerner Zeitung vom Montag, 12. April 1999